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Modellierung des thermomechanischen Verhaltens von Gedächtnislegierungen
Inhalt
Materialverhalten
Der Name Gedächtnislegierung,
wobei die Bezeichnungen Formgedächtnislegierung
und shape memory alloy
ebenfalls üblich sind, findet seine Begründung in einer außergewöhnlichen
Materialeigenschaft: Diese Metalle können sich an eine frühere
Form erinnern. Zu den Formgedächtnislegierungen gehören z.B.
Nickel-Titan, Kupfer-Zink-Aluminium, Gold-Cadmium und neuerdings auch Legierungen
auf Eisenbasis, wie z.B. Eisen-Mangan-Silizium. Die Erinnerungsfähigkeit
von Gedächtnislegierungen beruht auf
diffusionslosen Phasenumwandlungen,
welche in einem bestimmten Temperatur- oder Spannungsbereich stattfinden
können.
Ähnliche diffusionslose Phasenumwandlungen sind schon seit langem
aus der Stahlhärtung bekannt: Wird nämlich Stahl aus hoher Temperatur
schnell abgekühlt, so hat der Kohlenstoff keine Zeit, aus dem kubisch
flächenzentrierten (kfz) Austenitgefüge, herauszudiffundieren
und es entsteht ein verspanntes tetragonales Gitter. Dabei kommt es zu
einer Volumenänderung. Dieser Vorgang wurde seinem Entdecker A. Martens
zu Ehren als Martensitumwandlung bezeichnet. Später bürgerte
es sich in der Werkstoffwissenschaft ein, daß alle diffusionslosen
Phasenumwandlungen als martensitische Umwandlungen bezeichnet werden.
Im Gegensatz zu der martensitischen Umwandlung im Stahl weisen Formgedächtnislegierungen
während der Phasenumwandlung fast gar keine Volumenänderung auf.
Dies liegt daran, daß sich neue Kristallstrukturen infolge von reinen
Scherdeformationen bilden können. Der Gedächtniseffekt ist aber
nicht nur mit der Phasenumwandlung verbunden, vielmehr tritt ein weiterer
Deformationsmechanismus in Erscheinung: Unterhalb einer charakteristischen
Temperatur liegen die Elementarzellen in Zwillingsanordnung, in der sogenannten
Martensitphase, vor. Diese können leicht, durch Ausrichtung der einzelnen
Zwillingskristalle in eine Vorzugsrichtung, bleibend deformiert werden.
Daher wird in diesem Zusammenhang auch von der Pseudoplastizität
gesprochen. Die Erwärmung des pseudoplastisch deformierten Martensits
führt dann in einem höheren Temperaturbereich zur oben genannten
Phasenumwandlung
in den Austenit. Aufgrund der Ähnlichkeit der makroskopischen Abmessungen
des Austenits mit denen des Zwillingsmartensits nimmt das pseudoplastisch
deformierte Material seine ursprüngliche Form an. Die Form bleibt
im Gegensatz zum Gefüge unverändert, wenn durch Temperaturerniedrigung
die Phasenumwandlung des Austenits in den Martensit stattfindet.
Der Einwegeffekt kann z.B. für Verbindungselemente ausgenutzt werden.
Die Ausrichtung des Zwillingsmartensits muß jedoch nicht ausschließlich
über äußere Spannungsfelder bewirkt werden. Innere Spannungsfelder,
hervorgerufen durch Versetzungen oder Ausscheidungen, führen ebenfalls
zur Ausrichtung des Zwillingsmartensits. Durch die geschickte Ausnutzung
der vorhanden Spannungsfelder (mechanische Belastung) und der materialtypischen
temperaturabhängigen Umwandlungsspannungen tritt ein weiteres Phänomen
in Erscheinung: der Zweiwegeffekt. Die Deformationsmechanismen des
Zweiwegeffektes sind in der Lage, durch reine Änderung der Temperatur
große Formänderungen zu bewirken, die sich beim Erreichen der
Ausgangstemperatur zurückbilden können. Aufgrund dessen findet
der Zweiwegeffekt in der Aktuatortechnik seine hauptsächliche Anwendung.

Neben der Erinnerungsfähigkeit an bestimmte Formen können
Gedächtnislegierungen in einem höheren Temperaturbereich bei
vorhandener Austenitphase pseudoelastisches Materialverhalten zeigen.
Der Begriff Pseudoelastizität besitzt dabei folgenden Hintergrund:
Zum einen kehrt das Material nach einem Be- und Entlastungsprozeß
mit spannungsinduzierter Phasenumwandlung in die Ausgangskonfiguration
zurück, wodurch der Begriff Elastizität berechtigt ist. Demgegenüber
wird aber während der Phasenumwandlung, im Gegensatz zur Elastizität,
eine Hysterese durchlaufen, die natürlich mit dissipativen
Vorgängen verbunden ist. Infolgedessen ist der Begriff Pseudoelastizität
berechtigt.
Verwendung findet diese Materialeigenschaft z.B. in Brillengestellen aus
NiTi.

Diese verblüffenden und ungewöhnlichen Eigenschaften sind
in zahlreichen Produkten, die vor einigen Jahrzehnten noch unmöglich
erschienen, einsetzbar. Um aber solche Produkte überhaupt entwickeln
zu können ohne die Entwicklungskosten in unangemessene Höhe steigen
zu lassen ist es für den Konstrukteur extrem hilfreich, wenn er neben
seinen eigenen Fähigkeiten auch ein Simulationswerkzeug zur Verfügung
hat. In der heutigen Zeit werden zur Bauteilsimulation in der Regel FE-Programme
eingesetzt. Diese benötigen jedoch bei der Berechnung des Spannungstensors
ein Materialmodell, welches in der Lage ist, bei gegebenen Verzerrungs-
und Temperaturprozessen die entsprechenden Spannungen vorherzusagen.
Materialmodell
Aufgrund der experimentell meßbaren mechanischen Materialantwort,
bei der durch Be- und Entlastungsprozesse Hysteresen erzeugt werden, ist
das entwickelte Materialmodell keine einfache Funktion sondern ein Funktional
bezüglich der Belastungsgeschichte. Infolge der Belastung entsteht
neben der mechanischen auch eine thermische Materialantwort. Daher ist
die Entwicklung des Materialmodells in einem thermomechanischen Kontext
unerläßlich. Hierbei ist nicht nur die thermomechanische Konsistenz
von Interesse, also die Erfüllung des 2. Hauptsatzes der Thermodynamik,
sondern vor allem auch die korrekte Wiedergabe der Energieumsetzung. D.h.,
während der Phasenumwandlung laufen je nach Richtung entweder exotherme
oder endotherme Prozesse ab, die wiederum aufgrund der entstehenden Temperaturänderungen
das Materialverhalten stark beeinflussen können. Dabei stellt sich
die Frage, ob während der Phasenumwandlung bzw. der Ausrichtung der
Zwillingskristalle die gesamte investierte inelastische Arbeit in Wärme
umgewandelt wird oder nur ein Teil. In herkömmlichen Metallen und
Kunststoffen ist nämlich seit langem bekannt, daß nur ein Teil
der investierten inelastischen Arbeit in Wärme umgewandelt wird. Der
andere Teil wird für Strukturänderungen, wie z.B. die Versetzungsbildung
in Metallen benötigt. Bezüglich der Formgedächtnislegierungen
ist es vom mikrostrukturellen Standpunkt höchst wahrscheinlich, daß
während der Phasenumwandlung Energien in der veränderten Gitterstruktur
sowie den entstehenden Grenzflächen gespeichert wird. Weitere Energiespeicherungen
sind durch die Ausrichtung der Zwillingskristalle infolge der vorhandenen
Hindernisse und den damit verbundenen Inneren Spannungsfeldern möglich.
Die Modellierung erfolgt im Rahmen der Thermoviskoplastizität.
Grundlegender Bestandteil des Modells ist ein Ansatz für die Freie
Energie, der die während der thermomechanischen Belastung stattfindenden
Energiespeicherungsprozesse angemessen berücksichtigen soll. Die Freie
Energie ist daher eine Funktion von Inneren Variablen, die in Verbindung
mit den Energiespeicherungsprozessen stehen. Eine dieser Inneren Variablen
ist der elastische Anteil des Verzerrungstensors, der im Zusammenhang steht
mit der Energiespeicherung durch elastische Deformationen. Darüber
hinaus treten während bestimmter thermomechanischer Prozesse in Gedächtnislegierungen
Phasenumwandlungen auf. Infolgedessen beruht ein Teil der Freien Energie
auf der Mischungstheorie, weswegen der Martensitanteil als weitere Innere
Variable eingeführt wird. Neben den Energiespeicherungsprozessen treten
in Gedächtnismaterialien Dissipationsvorgänge auf, die wiederum
durch geeignete Evolutionsgleichungen für Innere Variablen modelliert
werden. Der inelastische Anteil des Verzerrungstensors ist beispielsweise
eine dieser Inneren Variablen.
Der gesamte Satz an Konstitutivgleichungen erfüllt schließlich
den 2. Hauptsatz der Thermodynamik, in Form der Clausius-Duhem-Ungleichung.
Aufgrund der in Gedächtnismaterialien auftretenden starken thermomechanischen
Kopplungseffekte reicht allerdings die Erfüllung der Clausius-Duhem-Ungleichung
nicht aus. Vielmehr muß die Energieumsetzung von dem Modell richtig
vorhergesagt werden. Ein erster Schritt ist hierbei die Berücksichtigung
eines Grenzflächenanteils in der Freien Energie, der das mechanische
Materialverhalten bei isothermen Prozessen nicht beeinflußt, aber
bei allen anderen Prozessen Möglichkeiten schafft, die Wärmeproduktion
und damit die thermomechanischen Kopplungseffekte während der Phasenumwandlung
zu beschreiben.
Die nachfolgend gezeigten Bilder zeigen Ergebnisse der numerischen Integration
des Materialmodells:
-
Pseudoelastizität
Die mechanische Belastung einer Formgedächtnislegierung oberhalb
der Austenit finish Temperatur bewirkt eine pseudoelastische Materialantwort.
In den hier gezeigten Abbildungen wurde ein eindimensionaler Zug-Druckversuch
unter Dehnungssteuerung simuliert. Die maximale Dehnungsamplitude berägt
8 %. Das obere Bild visualisiert den berechneten Spannungs-Dehnungsverlauf
(sigma-epsilon Diagramm) und das untere Bild den zugehörigen Martensitanteil-Dehnungsverlauf
(z-epsilon Diagramm). Deutlich sind zwischen den beiden viskoelastischen
Bereichen die Phasenumwandlungen erkennbar.

-
Übergangsbereich
Bei tieferen Temperaturen tritt zwischen der Pseudoelastizität
und der Pseudoplastizität ein Übergangsbereich auf. In der vorliegenden
Simulation ist das Ausgangsgefüge Austenitisch, so daß während
der ersten Dehnungsgesteuerten Zugbelastung die Phasenumwandlung in den
Martensit stattfindet. Die anschließende Entlastung und Belastung
in den Druckbereich sowie die erneute Zugbelastung führt zu einer
Rückumwandlung des Martensits in den Austenit und erneuter Phasenumwandlung
in den Martensit. Deutlich zeigen dies die abgebildeten numerischen Simulationsergebnisse.
-
Pseudoplastizität
Unterhalb der Martensit finish Temperatur führt mechanische Belastung
zur sogenannten pseudoplastischen Materialantwort. Bei dieser treten keine
Phasenumwandlungen in Erscheinung sondern es kommt zur reinen Ausrichtung
des Zwillingsmartensits. Die untere Abbildung zeigt das Spannungs-Dehnungsverhalten
bei dehnunsgesteuerter Zug-Druck-Belastung mit einer Amplitude von 8%.
-
Einwegeffekt
Der Einwegeffekt (Formgedächtniseffekt) ist einer der außergewöhnlichen
Eigenschaften von Formgedächtnislegierungen. Die mechanische Belastung
des martensitischen Ausgangsgefüges in Zwillingsanordnung führt
zur Ausrichtung des Martensits. Die Entlastung in den spannungsfreien Zustand
führt anschließend lediglich zu einer elastischen Entspannung
des Martensitgefüges. Die Erhöhung der Temperatur oberhalb der
Austenit finish Temperatur führt dann zur Phasenumwandlung des Martensits
in den Austenit und aufgrund der makroskopischen Ähnlichkeit des Zwillingsmartensits
mit dem Austenit wird die ursprüngliche Form erneut eingenommen. D.h.,
daß Material hat sich an seine Ausgangsform erinnert. Die nachfolgende
Abkühlung unterhalb der Martensit finish Temperatur bewirkt dann sogar
die erneute Zwillingsbildung des Martensits, so daß nicht nur die
makroskopischen Abmessungen übereinstimmen sondern ebenfalls die Mikrostruktur.
Um dieses Materialverhalten zu simulieren wird zuerst eine spannungsgesteuerte
Belastung auf 300 MPa aufgebracht, in den spannungsfreien Zustand entlastet,
die Temperatur auf oberhalb Austenit finish gesteigert und anschließend
wieder unterhalb Martensit finish verringert.
-
Zweiwegeffekt durch äußere Spannungen
Der Zweiwegeffekt durch äußere Spannungen tritt durch die
Variation der Temperatur zwischen Martensit finish und Austenit finish
in Erscheinung, wenn gleichzeitig die Belastung der Martensitphase ausreicht,
um die Ausrichtung des Zwillingsmartensits zu bewirken. In der Simulation
wird daher die Martensitphase in Zwillingsanordnung zuerst mit einer Spannung
von 300 MPa belastet und danach die Temperatur variiert. Infolgedessen
kommt es zwichen Austenit start und Austenit finish zur Phasenumwandlung
in den Austenit und gleichzeitig zu einer Verringerung der Deformation.
Umgekehrt führt die Verringerung der Temperatur ab Martensit start
bis Martensit finish zu Rückumwandlung in den ausgerichteten Martensit
und damit zu einer Deformationszunahme. Folglich führt die reine Variation
der Temperatur zu einer definierten Deformation.
Neben dem Modell für kleine Deformationen wurde in dem ersten Projektabschnitt
ein Modell der finiten Pseudoelastizität/Pseudoplastizität auf
der Grundlage des Modells für kleine Deformationen entwickelt. Dabei
gelang mit Hilfe von kinematischen Betrachtungen die Übertragung der
Modellgleichungen für kleine auf finite Deformationen. Die thermomechanische
Konsistenz sowie die Folgerungen aus der Clausius-Duhem-Ungleichung
bleiben dadurch unbeeinflußt.
Experimentellen Untersuchung der Materialeigenschaften
Im Rahmen des Projektes wurden und sollen such weiterhin experimentelle
Untersuchungen an NiTi Formgedächtnislegierungen durchgeführt
werden. Ziel ist es dabei wichtige experimentelle Daten zur Identifikation
der Materialparameter zu sammeln. Darüber hinaus sollen während
der mechanischen Belastung kalorische Messungen durchgeführt werden,
um die Energieumsetzung infolge der Phasenumwandlung und der Ausrichtung
des Zwillingsmartensits bestimmen zu können. Diese Informationen werden
dann in Materialmodellierung einfließen um nicht nur die mechanische
Materialantwort mit dem Modell vorherzusagen sondern ebenfalls die thermomechanisch
gekoppelte Antwort.
FE-Implementation
Im laufe des Projektes soll der aktuellste Stand des entwickelten Materialmodells
in den FE-Code PSU
(Prozeßsimulation in der Umformtechnik) implementiert werden. Ziel
ist es dann anhand von praxisrelevanten Beispielen die Leistungsfähigkeit
des entwickelten Materialmodells zu demonstrieren.