Die Plichtveranstaltungen umfassen das Wissen, das ein Ingenieur unabhängig von seiner Spezialisierung braucht. Diese Aussage, genauer gesagt ihre Umsetzung, muß von Zeit zu Zeit bei der ständigen Erweiterung dessen, was der Begriff Maschinenbau umfaßt, überdacht werden; z.Z. ist es so, daß das Fach Mechanik dazuzählt. D.h., der Fachbereich ist wie die Hochschulrektorenkonferenz davon überzeugt, daß jeder Student, bevor er Maschinenbau-Ingenieur wird, einiges an Mechanik gehört und bis zu einem gewissen Grad gelernt und verstanden haben muß.
Die letzte Aussage kann nur so lapidar stehenbleiben, wie sie ist, weil die Prüfungsordnung zwar den zeitlichen Umfang vorschreibt, sich aber nicht zu Inhalten und Themen, geschweige denn über die Tiefe äußert, bis zu der man den Stoff zu durchdringen habe.
Natürlich gibt es eine traditionelle Vorstellung davon, was als Inhalt der `Technischen Mechanik' in der Bundesrepublik gelehrt wird: Statik, Festigkeitslehre und Dynamik. Aber das ist schon alles. Über die Notwendigkeit graphischer Lösungsmethoden und den Einsatz mathematischer Hilfsmittel wie Vektor- und Tensorrechnung gibt es genauso viele Ansichten wie Mechanik-Institute. Vielleicht noch mehr.
Das ist aber nicht das Problem. Als diplomverleihende Institution müßte sich der Fachbereich dazu auslassen, welche Leistungen im Fach Mechanik er verlangt, bevor er ein Diplom herausgibt, und in welcher Form die Leistungen erbracht werden müssen. Das tut er weder im Fach Mechanik noch in anderen Fächern. D.h., er läßt den Dozenten mit der Entscheidung allein.
A.2 Lehrinhalte
(zum Anfang?)
Mit den Anhaltspunkten aus anderen Mechanikinstituten und der großen Zahl
bisher erschienener Lehrbücher ist es für den Fachvertreter nicht schwer,
die Inhalte für eine zeitgemäße, von obsoleten Themen entrümpelte
Vorlesung festzulegen,
wenn nicht die Zahl der Semesterwochenstunden beschränkt wäre. Da dem so
ist, müssen entweder einige Inhalte unbesprochen bleiben, oder die
Behandlung bleibt teilweise im Oberflächlichen, oder das Vortragstempo
wird gesteigert.
Es kann dem Fachvertreter nicht übelgenommen werden, wenn er an dieser Stelle nicht fragt, was der `Student des Maschinenbaus' unbedingt kennenlernen muß, was für ihn gut wäre zu wissen, und was er eigentlich nicht unbedingt gehört haben muß, sondern den `Studenten der Mechanik' zum Prüfstein seiner Entscheidungen macht. Die Fragen der erstgenannten Kategorie kann der Vertreter eines einzelnen Faches gar nicht beantworten, so genau kennt niemand den Maschinenbau. Aber Vertreter verschiedener Fächer könnten diese Fragen durchaus diskutieren. Insofern vergibt sich hier der Fachbereich eine gestalterische Möglichkeit, wenn er die Diskussion der Inhalte von Veranstaltungen stets ausklammert.
A.3 Lernkontrolle
(zum Anfang?)
Die Mechanik kommt mit wenigen Axiomen und daraus abgeleiteten Gesetzen aus.
Sie vermittelt eher Konzepte, Prinzipien und Denkschemata, die an hochgradig
abstrahierten Problemen erläutert und vorgeführt werden.
(Dabei
ist aber der Weg vom realen System zum mechanischen Modell nicht Inhalt der
Vorlesung, sondern es wird erwartet, daß am Rande klar wird,
wann ein Planet
ein Massenpunkt ist, wann ein Fernsehturm ein Einmassenschwinger ist und
wann ein Motorblock als Biegebalken durchgeht, obwohl er bestimmt nicht
zwölfmal so lang wie breit und hoch ist. (Notwendige
Bedingung für einen Balken))
Die ideale Prüfungsform, um herauszufinden, ob jemand die Mechanik verstanden hat, ist das Prüfungsgespräch. Dem steht die Studentenzahl und die Personalausstattung entgegen. Die traditionelle Prüfungsform der Mechanik, die immer in den ersten Semestern angeboten wird, ist deshalb die Klausur. Die typische Klausuraufgabe wiederum ist ein ebenso stark formalisiertes Problem, wie sie in der Vorlesung benutzt wurden, um Vorgehensweisen und Prinzipien zu erläutern, worin sich die Möglichkeit verbirgt, durch Anwendung eines nicht verstandenen, aber gut geübten Formalismus auf die richtige Lösung zu kommen. Das gesicherte Ergebnis einer Klausur ist, daß der Kandidat die Aufgaben gelöst hat oder nicht. Die Aussage daraus zu ziehen, ob der Kandidat die Mechanik verstanden hat, steht auf nicht so sicheren Füßen.
Diese aus Sicht eines Mechanikers unbefriedigende Situation ist vielleicht aus Sicht des Fachbereichs unproblematisch, wenn ihm für die Erteilung des Diploms reichen sollte, daß der Ingenieur einige mechanische Konzepte fehlerfrei anwenden kann, ohne sie vollständig zu verstehen, wenn andererseits garantiert ist, daß er sich die fehlenden Grundlagen im Notfall erarbeiten könnte oder sich fachliche Kompetenz sucht.
Festzuhalten bleibt, daß die Ausbildung in der Mechanik zwei Aspekte hat: Einmal die Lehre der Mechanik und zum zweiten die Vorbereitung auf die Klausur. Letzteres ist für den ständig überlasteten Studenten aus Sicht seiner Studienkarriere bestimmt der wichtigere Aspekt, der aber auch von den Dozenten nicht ignoriert wird: Traditionell wird die Mechanik-Vorlesung an allen Hochschulen von einem ausführlichen Übungsprogramm begleitet, und der Fundus der Mechanik-Übungsaufgaben allein in der Literatur ist mehr als ausreichend.
A.4 Lehrbetrieb Mechanik
(zum Anfang?)
Die Mechanik hat ihre eigene "Theorie und Praxis" und den üblichen
Abstand dazwischen, den es zu überbrücken gilt. Der Student, der in der
Vorlesung der Herleitung eines mechanischen Gesetzes gefolgt ist, ist noch
nicht in der Lage, selbständig herauszufinden, was denn das heißt, wenn
man die neu erlernte Gesetzmäßigkeit auf ein bestimmtes `praktisches'
Problem anwendet. Das muß er erst einmal vorgemacht bekommen, besonders da
die Mechanik handfeste mathematische Werkzeuge einsetzt, die in aller Regel
über die Schulmathematik hinausgehen und von der parallel laufenden
Mathematik-Vorlesung in aller Regel bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht
vorgestellt wurden.
Das ist ein Aspekt des Mechanik-Lehrbetriebes.
Die `Praxis' hat dabei wenig mit der realen Welt zu tun (wie gesagt, die Probleme sind abstrakt), was ein Lernhindernis ist. Nichts erlernt sich so schwer wie Dinge, deren Sinn nicht einzusehen ist. Das fällt Erstsemester-Studenten besonders schwer, da Außenstehende wohl mit Konstruktions- und Werkstofftechnik als Fach des Maschinenbaus rechnen, aber nicht mit Mechanik. Das kennt man als harmloses kleines Kapitel der Physik aus der Schule oder als etwas mit zwei, drei festen Formeln aus der Fachoberschule. Oft genug hört man aus dem Urteil der Studenten, daß die universitäre Mechanik-Ausbildung "ganz falsch und auf jeden Fall ganz anders" sei.
Andere Lernhindernisse sind die schon angesprochenen sehr unterschiedlichen Mathematikkenntnisse, die Unfähigkeit (mangels Erfahrung), im gesamten Vorlesungsbetrieb wie auch innerhalb der Mechanik-Vorlesung die wichtigen von den weniger wichtigen Dingen unterscheiden zu können. Das wird noch überdeckt von der allgemeinen Orientierungslosigkeit der ersten Semester. Das ist ein zweiter Aspekt.
Der dritte Aspekt ist, daß keine Fertigkeit gelernt werden kann, die nicht selbst geübt wird. Sonst käme der Fahrschüler mit dem theoretischen Unterricht aus. Die Fertigkeit, eine Mechanikaufgabe zu lösen, wächst nur, wenn der Student selbst rechnet. Natürlich geht manchem bei der Beschäftigung mit der Materie der eine oder andere `Seifensieder' auf, aber hauptsächlich schult der Student seine handwerklichen Fähigkeiten, z.B. in Algebra. Die Berücksichtigung dieses dritten Aspektes dient vorrangig dem Klausurerfolg.
A.5 Veranstaltungsformen
A.5.1 Vorlesung
(zum Anfang?)
Da die Mechanik in den ersten Semestern angesiedelt ist, leidet sie
wie andere zeitgleiche Veranstaltungen unter dem `Hörsaal-Schock', um dem
Sammeleindruck aus Größe, Lärm, technischen Unzulänglichkeiten, Masse,
Ablenkungen und Vortragsstil einen Namen zu geben. Veranstaltungen dieser
Art sind außerhalb der Universität Seltenheit und deshalb
gewöhnungsbedürftig. Das soll aber nicht heißen, daß sich das ändern
soll, sondern nur, daß es wegen der Gewöhnungsbedürftigkeit der
Situation
kein Wunder ist, daß manche Inhalte beim Hörer nicht ankommen. Der Ausweg
aus diesem Mißstand ist ein gemischtes Angebot aus schriftlichem Material,
Sprechstunden und Begleitveranstaltungen, verbunden mit der
ausdrücklichen Aufforderung zum Selbststudium.
Vorlesungen sind kaum redundant, äußerst inhaltsreich und erfordern, umso kompakter der Stoff aufgearbeitet ist, und je moderner die eingesetzten Medien (OHP) sind, eine hohe Konzentration und das meist für anderthalb Stunden. Das ist eine höhere Konzentrationsspanne als der Durchschittsmensch aufbringen kann. Also muß auch der hörsaalgestählte ältere Student nacharbeiten - oder er entscheidet sich zum "Mut zur Lücke". Letzters ist für erfahrene Studenten eine mögliche Strategie, für Anfänger eine Hasardspiel.
A.5.2 Bücher, Skripte, Aufgabensammlungen, Musterlösungen
(zum Anfang?)
Wie schon erwähnt, ist die Literatur zur `Technische Mechanik' sehr
umfangreich. Dennoch ist ein Skript für den, der die Vorlesung verfolgen
will, hilfreicher, da die unterschiedlichen Werke unterschiedliche
Schwerpunkte setzen und andere Reihenfolgen bevorzugen. Eine
Verständnislücke anhand der Literatur aus dem Weg zu räumen, ist bestimmt
viel besser für das grundlegende Verständnis, da es gleichzeitig das
wissenschaftliche Arbeiten schult. Es kostet aber auch unvergleichlich mehr
Energie und Zeit, als den Schwachpunkt im Skript zu lokalisieren und mit dem
Skript in der Hand zur Sprechstunde zu gehen. Die Vorteile eines Skriptes
liegen auf der Hand. So sehr, daß zu Vorlesungen, zu denen kein Skript
herausgegeben wird, unter Studenten saubere Mitschriften zirkulieren.
Überhaupt ist es in diesem Fachbereich nach Aussage von Studenten keine Schwierigkeit an irgendwelche schriftlichen Unterlagen zu kommen. Ob es an der hohen Arbeitsbelastung liegt, die zur Kooperation zwingt, oder ob Maschinenbauer bessere Menschen sind, sei dahingestellt. Jedenfalls gibt es wenig Konkurrenzdenken, das die Zusammenarbeit behindert.
Aufgabensammlungen manifestieren den formalisierten Teil der Mechanik-Ausbildung. Ihr Wert für den, der sich üben und testen will, ist unumstritten. Eine (ungewollte?) Nebenwirkung einer gut strukturierten Aufgabensammlung in Verbindung mit einer Formel- und Rezeptesammlung ist, daß sich eine Taktik zum Bestehen der Klausur herausbildet, die, vollkommen am Verständnis der Materie vorbei, nur noch auf Kategorisieren des Problems und Abkochen eines Rezepts basiert.
Musterlösungen entstehen automatisch. Sie zu sammeln und gezielt herauszugeben dient nur, um das Kursieren fehlerhafter Lösungen einzudämmen. Jedoch bergen die Musterlösungen von allen schriftlichen Materialien die größte Gefahr, da sie eine trügerische Sicherheit bei dem wecken, der sie Zeile für Zeile nachrechnen kann. Abgesehen davon scheint für alle schriftlichen Unterlagen, die der Student sammelt, zu gelten, daß er meint, was er kopiert habe, habe er auch kapiert. Oder zumindest denkt er, er habe immer noch Zeit, alles Gesammelte durchzuarbeiten, und sei es während der Klausur.
Die zweite Gefahr von Musterlösungen liegt in der oft praktizierten Technik, die man `Lösung durch Analogie' nennen kann. Manche Fehler in Klausuren kann man nur so erklären, daß der Student in seinen Unterlagen die Musterlösung einer ähnlichen Aufgabe fand, die er dann zu übertragen suchte. Diese anerkannte wissenschaftliche Arbeitstechnik setzt aber ein Maß an Verständnis voraus, das gerade bei den Studenten, die sich allein auf ihre Musterlösungssammlung verlassen, nicht da ist.
A.5.3 Hörsaal-Übung
(zum Anfang?)
Die Tatsache, daß man einmal gesehen haben muß, wie man `es' macht, daß
es mathematische Hilfsmittel gibt, welches davon wann hilfreich ist, wo man
sie findet, verlangt nach einer neben der Vorlesung stattfindenden
Veranstaltung, in der eine kompetente Person durch Vorrechnen
ausgesuchter Beispiele versucht, die Lücke zwischen Theorie und
Praxis zu schließen, kompetent genug, um
mit eventuellen Verständnisfragen sofort und nicht erst nach Rückfragen
beim Dozenten klarzukommen. Kurz gesagt: Die Person muß in der Lage
sein, sich vom Konzept zu lösen.
Diese Veranstaltung kann vor `großem Hause' stattfinden.
A.5.4 Hausaufgaben
(zum Anfang?)
Zur eigenständigen Bearbeitung sind Hausaufgaben durchaus geeignet, zum
Lernerfolg beizutragen, wenn gewährleistet ist, daß der Student die Zeit
hat, sie zu bearbeiten. Und wenn es bei Problemen nicht zu schwierig ist, an
Beratung zu kommen.
Die Zeit zur Bearbeitung ist durchaus da. Doch es zeigt sich, daß der Student, da mehrere Dinge um seine Zeit konkurrieren, durchaus unerwartete Prioritäten setzt - oder vielleicht setzen muß. Als Spielball von Zwängen sieht sich der Student oft gezwungen, die Lösung der Hausübung abzuschreiben, wenn er überhaupt etwas abgeben will, wenn er muß. Das ist eher kontraproduktiv, da das verständnislose Abschreiben immerhin die Selbsttäuschung tragen hilft, man habe sich mit dem Stoff beschäftigt.
Die Beratung, die über Verständnishürden hinweghilft, kann bestimmt organisiert werden, ist aber bei der Arbeit zu Hause immer mit Verkehrswegen und Zeitverzögerungen, also mit Widrigkeiten verbunden.
A.5.5 Sprechstunde
(zum Anfang?)
Die Sprechstunde ist eine Möglichkeit für den Studenten, aus einer
verfahrenen Situation herauszukommen. Sie kann auf Absprache zustandekommen;
besser ist, sie wird als Regelveranstaltung organisiert. Abgesehen von den
logistischen Schwierigkeiten, die ein Student hat, die Sprechstunde zur
angesetzten Zeit zu erreichen, ist sie ihrem Wesen nach eine kleine
Veranstaltung. Sie kann zwar sehr intensiv wirken, bleibt aber notgedrungen
auf eine kleine Klientenzahl beschränkt.
Unabdingbare Voraussetzung für eine Sprechstunde ist, daß der Student in der Lage ist, Fragen zu formulieren. Das kann er manchmal nicht, wenn der Faden seines Verständnisses so endgültig abgeschnitten ist, daß er noch nicht einmal weiß, ob er die Fachbegriffe richtig anwendet. Es kann auch sein, daß er sich das nur einbildet; auf jeden Fall meiden viele Studenten die Sprechstunde aus Angst, sich zu blamieren. Je nachdem, wer die Sprechstunde betreut, ist die Schwellenangst unterschiedlich groß. Es muß nicht an dem enormen Bedeutungsunterschied Student - Professor liegen. Auch die Unnahbarkeit, die ein Übungsleiter (ungewollt) im Hörsaal zeigt, sorgt dafür, daß seine Sprechstunde trügerisch leer bleibt.
A.5.6 Repetitorium
(zum Anfang?)
Ein Repetitorium dient einzig und allein der Prüfungsvorbereitung, ist also
aus Sicht der Mechanik eine Veranstaltung, die nicht mehr dem Verständnis
des Stoffes dient, sondern nur noch dem Einschleifen von Formalismen. Mit
einer solchen Veranstaltungsform kann sich nur ein Dozent abfinden, der als
Lernziel der Mechanik-Vorlesung nicht unbedingt das durchgängige
Verständnis des Stoffes postuliert. Was wieder zu der Frage führt, wieviel
Mechanik braucht der Maschinenbauingenieur, damit ihm sein Diplom
überreicht werden kann?
A.5.7 Seminar
(zum Anfang?)
Eine weitere Veranstaltungsform ist das Seminar, in dem sich die
Seminaristen theoretische und praktische Stoffanteile eigenständig,
vielleicht arbeitsteilig, erarbeiten und gegenseitig vortragen. Diese
anstrengende Arbeitsform lohnt sich nur, wenn dabei neue Inhalte gefunden
werden, d.h. im Nahfeld der Forschung. In der `Technischen Mechanik' hieße
das, ständig
das Rad neu zu erfinden, denn die hier vermittelten
Inhalte sind `alter Schnee', ihre Erforschung liegt Jahrzehnte bis
Jahrhunderte zurück. Didaktisch gesehen wäre das ein aufwendiger
Trockenschwimmkurs; nichts ist ernüchternder als das.
Die Seminarform ist in der Mechanik unüblich, zumindest was die Ausbildung in der 'Technischen Mechanik' angeht. Wenn in einem Institut der Begriff trotzdem verwendet wird, ist damit meist das `Üben in kleinen Gruppen' gemeint, in aller Regel betreut durch einen wissenschaftlichen Mitarbeiter.
A.5.8 Übung in kleinen Gruppen
(zum Anfang?)
Eine solche Veranstaltung ist bestimmt effizient, was die Fehlerfreiheit
vorgeführter Aufgaben angeht. Die geringe Größe der Gruppe garantiert
zudem weniger Störungen als in einer großen Horsaalübung und auch die
Wahrscheinlichkeit, daß aus dem Publikum Fragen gestellt werden, ist
größer. Andererseits ist, wenn es nur um das Vorrechnen ginge, im
Vergleich zur Hörsaalübung der Aufwand unvergleichlich höher.
Ob es in einem Übungsbetrieb in kleinen Gruppen zu dem gewünschten eigenständigen Arbeiten kommt, ist fraglich. Zumindest ist nach der Vorführung, wie es richtig oder sogar optimal zu machen sei, der Bruch zu den eigenen, notgedrungen stümperhaften Versuchen des Studenten zu kraß. Die Erfahrung zeigt, daß sich der Saal rapide leert, wenn der Student von der Konsumenten- zur Produzentenrolle wechseln soll.
Auch wenn es in einer solchen Veranstaltung keinen Vorrechenteil gibt, der Student also nur zu dem, ihm bewußten, Zweck erscheint, Hand anzulegen, hängt es noch sehr vom Verhalten des Betreuers ab, ob sich das Vertrauensverhältnis aufbaut, in dem man sich nicht blamiert fühlt, wenn etwas nicht klappt.
Die Vorstellungen, die ein Student davon hat, was ihm alles schaden könnte, sind ungezählt. Eine übliche Schlußfolgerung ist: "Bloß nicht auffallen!" Wissenschaftliche Mitarbeiter zählen zumindest in den Augen von unerfahrenen Erstsemestern zur `anderen Seite' und sind damit gehandikapt, wenn sie das Vertrauen der Studenten erwerben sollten.
A.5.9 Tutorium
(zum Anfang?)
Ein Tutorium ist nach der Hessischen Tutorenordnung eine Veranstaltung für
eine Gruppe von bis zu 25 Studenten, die, von einem Tutor betreut,
regelmäßig parallel zur Hauptveranstaltung durchgeführt wird. Ein Tutor
ist ein Student höheren Semesters.
Das ist nur eine formale Beschreibung. Eine inhaltliche Beschreibung kann auf dem Begriff `Tutor' (Betreuer) basieren. Ein Tutor ist mit der Betreuung einiger Studenten beauftragt, die sich einen Stoff eigenständig zu erarbeiten haben. Dazu muß er in der Lage sein, die Versuche der Studenten zu einer spezifischen Aufgabenstellung begutachten zu können, um Irrtümer und falsche Lösungsstrategien frühzeitig zu verhindern. Das kann ein Student höheren Semesters, der auf die Schwierigkeiten der spezifischen Aufgabenstellung vorbereitet wurde, durchaus leisten.
Andererseits muß er in der Lage sein, Fragen, auch unpräzise Fragen, richtig zu verstehen, verständlich zu beantworten oder die Antwort zu besorgen. Auch dazu kann der ältere Student besser geeignet sein als der wissenschaftliche Mitarbeiter, weil die Schwelle, einen Kommilitonen anzusprechen, wahrscheinlich geringer ist, als jemanden, der das Diplom schon hinter sich hat. Auch gibt die zeitliche Nähe zu der Situation, in der man selbst den gleichen Stoff noch für die Prüfung lernte, einen besseren Eindruck, wie verworren die Vorstellungen vom Fach sein können.
Die größere Offenheit unter Studenten gibt dem Tutor mehr Einblick in die Wissenslage der Lernenden. Die Verständnislücken, die ihm während der Arbeit mit der Gruppe auffallen, sollte er dem Dozenten oder dem Tutorenbetreuer bekannt geben. Das ergibt zumindest eine gewisse Rückkopplung für den Lehrenden, der sonst nur auf die Interpretation solch schwacher Zeichen angewiesen ist, wie Unruhe und Abnahme der Hörerzahl.
A.6 Individuelle Probleme
(zum Anfang?)
Die verschiedenen Maßnahmen, mit denen ein Stoff gelehrt und sein
Verständnis gefördert und gefestigt werden kann, können in der
geeigneten Mischung die negativen Auswirkungen äußerer Umstände abfedern,
die mit der Situation des Lehrbetriebs zusammenhängen. Das Konzept, das
dabei zur Anwendung kommt, orientiert sich weitestgehend an den
festgestellten Tatsachen (Studentenzahl, Schulbildung, Stoffmenge, Raum-,
Zeit- und Personalkapazitäten etc.) und den erfahrungsgemäß vorliegenden
Hindernissen (Lernstörungen, Konzentrationsschwächen,
Kommunikationsschwierigkeiten, Informationsmangel), setzt aber in der Regel
bei allen Beteiligten den guten Willen voraus. Es ist das Wesen eines
funktionierenden Konzeptes, daß es vom guten Willen aller Beteiligten
getragen wird.
Selbst wenn alle Beteiligten bei sich selbst davon überzeugt sind, guten Willens zu sein, muß das nicht der Fall sein.
A.6.1 Der Hörer
(zum Anfang?)
Warum der Hörer in der Mechanik-Vorlesung sitzt, liegt nur darin begründet, daß
er im Maschinenbau eingeschrieben ist.
Warum Maschinenbau?
Warum er wiederum Maschinenbau studiert,
kann mehrere Gründe haben. Das reicht vom Interesse an technischen Dingen,
das den Wunsch wachsen ließ, Ingenieur zu werden, über wirtschaftliche
Erwägungen, in welchem Beruf Aussicht auf einen Job besteht, zu Ergebnissen
von Ausschließungsprozeduren, die ein bekanntes Berufsfeld nach dem anderen
aus der engeren Wahl warfen, bis schließlich das unbekannte Berufsfeld
Maschinenbau übrigblieb. Manche wollen Medizin studieren und werden vom NC
gehindert, also parken sie, egal wo. Manche würden eigentlich Philosophie
studieren, aber dürfen nicht, weil sie keine volle Hochschulreife haben.
Wenige müssen Maschinenbau studieren, da sie den elterlichen Betrieb
übernehmen sollen.
Allein von hierher kann der (unbewußte) Unwillen, sich mit dem Stoff Maschinenbau auseinanderzusetzen, beliebig groß sein. Wobei aber die Frage ist, ob sich der Fachbereich Maschinenbau mit diesem Problem auseinandersetzen muß?
Warum Mechanik? Selbst einem interessierten Lernenden ist es nicht möglich, selbst zu entscheiden, was er lernen soll, wenn er innerhalb einer gesetzten Zeit zu einem bestimmten Ziel kommen soll. Diese Entscheidung kann nur der Lehrende treffen, und der Schüler steht diesen Entscheidungen nur dann unkritisch gegenüber, wenn er Vertrauen zum Lehrer hat.
Im Fall Maschinenbau wird die Entscheidung, was zu lernen sei, nicht individuell gefällt, sondern anonym in Form einer Prüfungsordnung, die nur die Ergebnisse langer Entscheidungprozesse darstellt, aber nicht die Gedankengänge, die dazu geführt haben. Entscheidungen, die Unbekannte aus unbekannten Gründen für andere treffen, wird immer mißtraut.
Übertragen auf den hiesigen Fall heißt das, es kann durchaus die Meinung geben: "Ich studiere gerne Maschinenbau, aber warum ich ausgerechnet Mechanik machen muß, sehe ich nicht ein."
Schlimmstenfalls ist die Kombination denkbar: "Ich wollte gar nicht hier hin. Na gut, jetzt beehre ich euch mit meiner Person, also tragt mich zum Diplom!"
Warum ich? Der lange Ausbildungsweg, den Schüler durchmachen, hat in Verbindung mit der gängigsten Unterrichtsform, dem Frontalunterricht, - deshalb gängig, weil die größte Menge Stoff in der kürzesten Zeit verlautbart werden kann - eine Konsumentenhaltung hervorgebracht, gegen die auch der aufgeschlossen mitarbeiten Wollende schwer ankommt. Das läßt Angebote, die die Fähigkeit des Selbststudiums steigern sollen, leicht ins Leere laufen. Ein Tutorium, in dem nur der Tutor etwas tut, taugt nichts.
A.6.2 Der Tutor
(zum Anfang?)
Der Tutor ist ein Student, der, pädagogisch unvorbereitet wie die Mehrzahl
der lehrenden Hochschulangehörigen, in eine Lehrsituation gerät, in der er
eventuell älteren Kommilitonen gegenübersteht. Denen soll er einerseits
etwas vorführen, was pädagogische und didaktische Kompetenz von ihm
verlangt, die er nicht hat, denn Pädagogik und Didaktik ist nicht sein
Fach, sondern Maschinenbau.
Andererseits soll er dieselben Leute, die eben noch Konsumenten seiner Vorführung waren, dazu bringen, sich mit nicht gefestigten Kenntnissen an schwer verständlichen Aufgabenstellungen zu versuchen. Das ist die Aufgabe eines Moderators oder gar Animateurs, und verlangt Kompetenzen, die man durchaus lernen und entwickeln kann, nur wo und wann?